Im ursprünglichen buddhistischen Kontext ist Achtsamkeit (Pali: sati, Sanskrit: smṛti, Tibetisch: dran pa) die Fähigkeit des Geistes, etwas im Gedächtnis zu behalten, sich an etwas zu erinnern. Die Definition von Achtsamkeit ist: Das Nicht-Vergessen des Geistes in Bezug auf ein vertrautes Objekt.

Achtsamkeit ist das direkte Gegenmittel gegen Ablenkung. Achtsamkeit spielt vor allem bei der Übung der konzentrativen Meditation eine wichtige Rolle. Mit Hilfe der Achtsamkeit können wir den Geist zusammenhalten, ihn sammeln und vor dem Abwandern zu anderen, meist attraktiveren Objekten bewahren.

Mit der Kraft der Achtsamkeit verankern wir den Geist in der Gegenwart. Daher verwende ich für Achtsamkeit im ursprünglichen Sinn meist die Übersetzung von Christof Spitz, nämlich Vergegenwärtigung, denn sie bringt das, worum es geht – sich etwas vergegenwärtigen – viel klarer zum Ausdruck. (vgl. Christof Spitz, Achtsamkeit im Kontext des Bewusstseins aus: Achtsamkeit. Ein buddhistisches Konzept erobert die Wissenschaft).

Ohne Achtsamkeit keine Meditation (Konzentration)

Ohne Achtsamkeit bzw. Vergegenwärtigung ist die Entwicklung von Konzentration nicht möglich.

Warum?

Wenn wir uns beispielsweise bei der Übung der Konzentrativen Meditation (Shamata-Meditation) auf den Atem fokussieren, dann nehmen wir uns zu Beginn der Meditation vor, unsere gesamte Aufmerksamkeit auf den Atem zu lenken. Wir sind entschlossen, den Geist ohne Zerstreuung beim Atem zu halten.

Wer das jemals probiert hat weiß, dass dies leichter gesagt als getan ist, denn unser Anfänger-Geist wird mit Sicherheit abschweifen. Wir hören Geräusche, riechen angenehme Düfte oder wir laufen attraktiveren Gedanken nach.

Schließlich erkennen wir, dass wir gar nicht mehr beim Atem sind. Wir haben unser Meditationsobjekt verloren bzw. vergessen. Die Achtsamkeit erinnert sich an unser Vorhaben, beim Atem zu bleiben, sie vergegenwärtigt sich dies und bringt das Meditationsobjekt wieder zurück zur Konzentration, die es wieder fest umschließt. Bis zum nächsten Vergessen 😉

Achtsamkeit und Introspektion

Achtsamkeit und Introspektion (Sanskrit: samprajanya, Tibetisch: shes bzhin) sind wie Geschwister, die sich gegenseitig unterstützen. Die Introspektion – auch wachsame Selbstprüfung oder Bewusstheit genannt – beobachtet und erkennt die Aktivitäten von Körper und Geist. Sie „schlägt Alarm“, wenn unser Geist abschweift und auf Wanderschaft geht.

Je besser unsere Introspektion trainiert ist, desto schneller und klarer nehmen wir die Bewegungen von Körper und Geist wahr.

In der Meditation funktioniert das so: die Konzentration hält das Meditationsobjekt mit einspitziger Aufmerksamkeit im Geist und die Achtsamkeit vergegenwärtigt sich dieses Vorhaben, sie bleibt dran. Die Introspektion beobachtet und prüft die Aktivitäten von Körper und Geist. Sie „informiert“ die Vergegenwärtigung, falls der Geist abwandert oder in den Tiefen der Müdigkeit versinkt.

Wenn du mit deiner Aufmerksamkeit ganz beim Meditationsobjekt, z.B. beim Ein- und Ausatmen bist, dann lässt das Denken allmählich nach und du beginnst, tiefer und direkter wahrzunehmen. Das ist entspannend und befreiend, weil das Gedankenkarussell allmählich stoppt.

Stell‘ dir ein Glas mit reinem Wasser vor, in das du sandige Erde streust. Zu Beginn wird das Wasser noch trüb sein. Erst wenn sich die Erde abgesetzt hat, ist das Wasser klar.

Genauso ist es mit unserem Geist. Wenn die Gedanken (Erde) zur Ruhe kommen, können wir klar erkennen, was ist. Die Übung der Achtsamkeit hilft, die Gedanken loszulassen und klar zu sehen, was im gegenwärtigen Moment passiert.

Dies ist eine Übung, ein Training. Wie schnell du Fortschritte erzielst, hängt von der kontinuierlichen Übung ab. Leichtigkeit und Klarheit kann dir niemand von außen einimpfen. Es ist die Frucht deiner Praxis, die Leichtigkeit und Klarheit in deinen Alltag bringt.

Achtsamkeit und Ethik

Ethisches Verhalten drückt sich in unseren körperlichen, sprachlichen und mentalen Aktivitäten aus.

Wir alle haben bestimmte ethische Richtlinien internalisiert. Von unseren Eltern, Lehrerinnen oder in unserer Gemeinschaft haben wir gelernt, welche Handlungen „gut“ und anzunehmen und welche „schlecht“ und zu vermeiden sind.

Hier gibt es Werte und Übereinkünfte, die universelle Bedeutung haben und ebenso gibt es Vorstellungen von „gut“ und „schlecht“, die kulturspezifisch sind.

Angenommen, eine unserer ethischen Richtlinien lautet: Es ist gut, die Wahrheit zu sagen und nicht zu lügen. Wenn wir nun in eine Situation kommen, wo wir uns entscheiden müssen, ob wir die Wahrheit sagen oder lügen, dann werden wir uns mit Hilfe unserer Achtsamkeit daran erinnern, dass „Nicht-Lügen“ Teil unserer ethischen Grundhaltung ist. Wie klar und bewusst dieses Erinnern vor sich geht, ist abhängig von unserer Achtsamkeit.

Ist unsere innere Kraft der Achtsamkeit schwach, dann wird uns meist gar nicht bewusst, was sich abspielt. Wir handeln außen-gesteuert und gefühlsbezogen. Vage Gefühle – unangenehm oder angenehm – bestimmen unser Handeln.

„Verstoßen“ wir gegen unsere ethische Grundhaltung, fühlen wir uns schlecht und versuchen diese Störgefühle zu ignorieren und schnell zu vergessen. Handeln wir gemäß unserer ethischen Grundhaltung, fühlen wir uns gut und freuen uns.

All dies läuft aber mehr oder weniger unbewusst und fast „ferngesteuert“ ab. Ist unsere geistige Kraft der Achtsamkeit stark, so werden wir unsere ethische Grundhaltung klar erkennen und benennen können. Wir werden die Entscheidung, die Wahrheit zu sagen, bewusst treffen. Auch wenn das Drumherum sehr emotional ist, werden wir uns selbst inmitten einer Gefühlsflut auf unseren Anker der Achtsamkeit stützen. Wir werden mit Entschlossenheit nach unseren inneren Werten leben und handeln können. So gewinnen wir mit Hilfe der Achtsamkeit ein Stück Freiheit.

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