Wusstest du, dass Spitzensportler meditieren? Hast du schon mal Schirennläufer gesehen, wie sie vor dem Start voll konzentriert die Rennstrecke im Geist herunterfahren? Sie stehen oder sitzen, sind ganz fokussiert und visualisieren jedes Tor, jede Kurve, jede Schneeverwehung auf der bevorstehenden Strecke in ihrer Vorstellung kristallklar.

Das ist die Kunst der Meditation in Aktion – eine unsichtbare aber kraftvolle Technik des Geistes, die Athleten hilft, ihre beste Leistung abzurufen.

Auch Motorsportler visualisieren vor dem Rennen jeden einzelnen Streckenmeter, jede Kurve, jede Steigung. Sie vergegenwärtigen sich das gesamte Rennen und spüren förmlich das Beschleunigen, Bremsen und Schalten, als wären sie bereits im Rennen. Auch das ist Meditation.

Der Geist führt, der Körper folgt

Erfolgreiche Sporttrainer legen auf mentales Training mindestens genauso viel Wert wie auf körperliche Fitness, Flexibilität und Technik.

Von einem bekannten österreichischen Fußballtrainer hab’ ich mal gehört, dass sein Team alle Standardsituationen nicht nur körperlich trainiert, sondern auch mental visualisiert. So werden Körper und Geist synchronisiert und maximaler Fokus erzeugt.

Der Körper folgt dem Geist und das Geübte kann im Spiel direkt umgesetzt werden, ohne nachzudenken. Das ist ebenfalls die Frucht der Meditation.

Hier kommt das Element der Wiederholung und der Verinnerlichung ins Spiel. Das tibetische Wort für Meditation lautet übrigens: sGom (སྒོམ, sprich: gom) und gom bedeutet wörtlich übersetzt: sich an etwas gewöhnen, sich mit etwas vertraut machen.

Durch regelmäßiges Üben – Wiederholen – trainierst du bestimmte Fähigkeiten und wirst durch entsprechende Ausdauer (und Talent) vielleicht zum Champion. 

I will meditate on it

Kleine Geschichte am Rande: Der Direktor des Tibetzentrums in Österreich (Dalai Lama Institut für Ethik-Meditation-Weisheit) ist ein tibetischer Mönch und hoch angesehener tibetischer Lama (= geistiger Lehrer). Er ist im Kloster aufgewachsen und daher mit der westlichen Bürokratie nicht sehr vertraut. 

Einiges muss(te) er in seiner verantwortungsvollen Position als Institutsleiter dennoch wissen bzw. lernen. Und diese Dinge lernte er hauptsächlich von mir, da ich viele Jahre lang eng mit ihm zusammenarbeitete. Dabei sagte er am Ende meiner Erklärungen dann häufig: Aha, okay, thank you. I will meditate on it. (Aha, okay, danke. Ich werde darüber meditieren.)

Klingt im ersten Moment komisch, ist aber durchaus logisch:

  • Man lässt sich etwas zeigen, liest oder hört etwas Neues (Schritt 1),
  • dann versucht man es zu verstehen (Schritt 2) und
  • schließlich (Schritt 3) übt man es, d.h., man macht sich damit vertraut durch Wiederholung (= Training = ”I will meditate on it.”
  • bis man es letztendlich verinnerlicht (Schritt 4).

Diese Form des Geistestrainings verbindet die Konzentrative Meditation (Shamata) mit der Analytischen Meditation (Vipassana) und wird im buddhistischen Kontext vor allem für die Entfaltung der spirituellen Kräfte – Weisheit, Mitgefühl, liebende Güte usw. – geübt.

Die Analogie von Reiter und Pferd

In der buddhistischen Lehre und auch in der Tibetischen Medizin wird die tiefe Verbindung zwischen Körper und Geist betont. Im grobstofflichen Körper fließen die subtilen Körperenergien. Das sog. Lung (Tibetisch: rLung) bzw. Prana (Sanskrit: prāṇa) ist ein sehr subtiles Element des Körpers. 

Die Verbindung zwischen Geist und Körper wird oft mit Reiter und Pferd verglichen.

Es wird gesagt, Der Geist reitet auf dem rLung. Das bedeutet, der Reiter ist in dieser Analogie das Bewusstsein, also der Geist, und das Pferd ist die feinstoffliche, bewegliche Energie, das sog. rLung. (Häufig werden rLung und prana mit Wind übersetzt. Dieser Begriff ist jedoch irreführend, daher verwendet man heutzutage meist die tibetischen bzw. Sanskrit-Originale.)

Körper und Geist sind zwar von Natur aus verschieden, aber trotzdem untrennbar miteinander verbunden und beeinflussen sie sich gegenseitig. 

Um im Sport oder in der spirituellen und religiösen Praxis oder im Berufs- und Familienleben, ja einfach ganz allgemein:

um in unserem kostbaren Leben und darüber hinaus erfolgreiche und glückliche Champions zu sein, ist es notwendig und immens wichtig, Körper UND Geist fit und gesund zu erhalten. 

Meditation ist die beste Übung für geistige Höhenflüge.

Der Atem als Meditationsobjekt

Wenn du meine letzten beiden Blogartikel zum Thema Meditation gelesen oder auf YouTube gesehen hast: #1 MEDITATION – Weisheit und innere Stärke und #2 So geht meditieren, dann erinnerst du dich vielleicht daran, dass es verschiedene Meditationsobjekte gibt. 

In der buddhistischen Tradition werden für die Shamata-Praxis drei Meditationsobjekte als “geeignet” erachtet:

1) der Atem,

2) ein visualisiertes Objekt und

3) der eigene Geist, das eigene Bewusstsein.

Atme die Gegenwart

Der Atem ist das zugänglichste dieser Objekte. Es ist vertraut und fühlbar und hält dich in der Gegenwart verankert, fern von den Ablenkungen der Vergangenheit und Zukunft.

Meditieren ist ja eine rein geistige Übung. Dennoch hilft es enorm, wenn zu Beginn der Meditationspraxis auch die Körperwahrnehmung zugelassen und nicht ignoriert wird. 

Denn, wenn du den Atem im Körper bewusst spürst, kommst du durch diese Sinneswahrnehmung in die Gegenwart. Die Körperwahrnehmung ist wie ein Anker, der dich in der Gegenwart hält und das Abschweifen in Vergangenes und Zukünftiges verhindert.

Auch als langjährige Praktizierende kannst du beim Atem als Meditationsobjekt bleiben. Je mehr Übung du hast, desto wichtiger wird es jedoch zu lernen, sich auf die rein geistigen Aspekte zu fokussieren und die Körperempfindungen während der Meditation loszulassen. 

Beim Meditieren trainierst du die Geisteskräfte Konzentration (= Stabilität und Klarheit), Vergegenwärtigung und wachsame Selbstprüfung. Die Sinnestore werden dabei immer mehr geschlossen.

Die Visualisation

Hast du schon ein wenig Meditationserfahrung? Dann probier’ mal eine Visualisation! 

Wenn du religiös bist, dann nimm eine Figur aus deiner eigenen Religion. 

Ich als Buddhistin visualisiere z.B. Buddha Shakyamuni oder die Grüne Tara, sie ist ein weiblicher Buddha und verkörpert das aktive Mitgefühl aller Buddhas. 

Wenn ich Buddha Shakyamuni visualisiere, dann ist dieser für mich auch tatsächlich anwesend. So stärkt diese Meditationspraxis mein Vertrauen in Buddha.

Wenn du Christin oder Christ bist, kannst du ein Bild von Jesus Christus oder der Gottesmutter Maria nehmen oder dich mit einem anderen Heiligen aus deiner Religion verbinden. Wähle ein Bild oder eine Statue, die dich inspiriert und stärkt.

Es kann aber auch sein, dass du dich keiner Religion zugehörig fühlst. In diesem Fall nimmst du eine neutrale Form, z.B. eine Blume oder ein abstraktes Bild als Visualisationsobjekt. 

Die Meditation mit einem visualisierten Objekt

Suche dir zunächst eine für dich geeignete Darstellung in Form eines Bildes oder einer Statue. 

Der tibetische Meister Je Tsongkhapa (1357-1419) empfiehlt in seiner Großen Darlegung des Stufenwegs (Lam Rim Chen Mo, Teil 3) folgende Vorgehensweise:

Schaue die Darstellung immer wieder mit deinen Augen an und präge dir die Merkmale ein.

Danach wende deinen Blick ab und mach es dir zur Gewohnheit, diese Darstellung als Objekt des Geistes erscheinen zu lassen.

Richte dich zuerst auf die gröberen Anteile aus und beginne erst dann, wenn die Meditation stabil ist, die Details in dein geistiges Bild aufzunehmen.

Wie man ein Bild im Geist visualisiert

Nehmen wir an, du hast eine heilige Person als Meditationsobjekt gewählt. Betrachte das von dir gewählte Bild mit deinen Augen. Nachdem du dir Kopf, Arme, Rumpf und Beine eingeprägt hast, wende den Blick ab und lass das Bild im Geist erscheinen.

Wahrscheinlich erscheint zu Beginn nur ein Teil des Gesamtbildes im eigenen Geist.

Nehmen wir an, du siehst den Kopf vor dem geistigen Auge. 

Gib dich zunächst damit zufrieden und stabilisiere deinen Geist nun genau auf diesen Ausschnitt, nämlich auf den Kopf. Lenke deine Konzentration darauf und halte sie stabil auf diesem Objekt, dem Kopf. Mit der Zeit wird das Bild immer klarer und schärfer und auch umfassender.

Wenn du während der gesamten Meditation dich nur auf den Aufbau des Bildes konzentrierst, in der Hoffnung, schnell das gesamte Bild visualisieren zu können, dann erlangst du keine stabile Konzentration.

Denn dein Geist ist dann immer nur in Bewegung und kann sich niemals stabilisieren und festigen.

Bei EINEM Bild bleiben

Bei der nächsten Meditationssitzung nimmst du wieder dieses eine Bild und machst die gleiche Übung. Je öfter du meditierst, desto umfassender und detailreicher wird das Bild vor deinem geistigen Auge erscheinen. Konstanz hilft deinem Geist, seine Kraft zu entfalten und du wirst schnell Fortschritte erkennen: Stabilität, Klarheit, Vergegenwärtigung und wachsame Selbstprüfung werden enorm gestärkt. 

Sobald du dich für dein Meditationsobjekt entschieden hast, bleibst du bei diesem einen Meditationsobjekt. Denn wenn du das Meditationsobjekt ständig wechselst, dauert es viel länger, einen konzentrierten Geist zu entwickeln.

Als Nebenwirkungen dieser Übung werden geistige Klarheit, innere Ruhe, aufmerksame Gelassenheit und ein entspannter Schlaf dein Leben bereichern 🙂

VIDEO

Hier geht’s zum Video >>> die Visualisationsübung beginnt bei Minute 18

AUDIO

Dieses Bild kannst du für deine Visualisationsübung verwenden:

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