Was bleibt, wenn du nichts mehr hast? Wer oder was bist du, wenn alles fort ist, was bisher für dich identitätsstiftend war? Wie kannst du innere Stärke entwickeln?
Stell dir vor, du wachst morgen auf und hast alles verloren: deine Familie, deine Freunde, dein Einkommen, deine Arbeit, deine Ersparnisse, dein Zuhause, deine Haustiere, deine Fahrzeuge. Geblieben sind nur dein Körper und die Kleidung, die du trägst.
Nichts mehr von dem, was dich heute umgibt, ist morgen noch da. Und zudem stellst du fest, dass du keine finanziellen Hilfen vom Staat oder von sozialen Organisationen erwarten kannst. Du bist ganz auf dich allein gestellt.
Versetz dich in diese Situation. Wie fühlst du dich? Sei ehrlich!
Wie geht’s dir, wenn dies passiert? Wie reagierst du? Was ist deine Antwort auf so eine Ausnahmesituation?
Bist du verzweifelt und steckst den Kopf in den Sand? Fühlst du dich als Opfer, wirst du wütend und gibst der Regierung, der Gesellschaft, den Reichen, den Armen oder deinen Eltern die Schuld?
Oder bist du nach anfänglichem Schock und Trauer in der Lage, wieder klar zu denken, einen Plan zu machen und dein Leben wieder in geordnete Bahnen zu lenken? Kannst du innere Stärke entwickeln?
Bevor du weiterliest, mach dieses Gedankenexperiment.
Wovon hängt es ab, wie du mit Ausnahmesituationen umgehst?
Es ist deine innere Haltung. Es sind deine geistigen Fähigkeiten, die dich weiterbringen und bei Schwierigkeiten nicht verzweifeln lassen.
Ein starkes Bewusstsein, ausgestattet mit Vertrauen und Zuversicht, lässt dich selbst in der ausweglosesten Situation ein Licht am Ende des Tunnels sehen.
Und eines ist auch ganz klar: Wenn dein Geist darniederliegt, dann bringt dich auch der stärkste Körper nicht ans rettende Ufer.
Nun ergeben sich zwei Fragen:
- Welche geistigen Qualitäten fördern Resilienz und Widerstandskraft?
- Sind sie angeboren bzw. “genetisch” oder kannst du sie durch Übung stärken und ausbauen?
Welche Eigenschaften brauchst du?
Die wichtigsten sind Weisheit, Mitgefühl und Liebe.
Aus diesen Bewusstseinszuständen entstehen alle anderen positiven Kräfte: Dankbarkeit und Großzügigkeit, Unvoreingenommenheit und Freundlichkeit, Würde, Geduld und Ausdauer, Ehrlichkeit und Mut, Präsenz und Fokus, Intelligenz und Urteilsvermögen.
Was ist Weisheit?
Weisheit ist die Fähigkeit zu sehen, was ist. Es geht nicht allein darum, Wissen anzuhäufen, sondern es anzuwenden:
- Zusammenhänge und Muster zu erfassen,
- hinter den Schein zu blicken und
- vorhandenes Wissen zu nutzen, um Lösungen für anstehende Probleme zu finden.
Eine Tatsache, die unsere Weisheit stärkt, ist die Erkenntnis der Vergänglichkeit. Was ist damit gemeint?
Vergänglichkeit ist die Unbeständigkeit aller Dinge, die Augenblicklichkeit des Lebens.
Unser Körper, unser Bewusstsein, Pflanzen, Tiere, Berge, Meere, alles verändert sich von Moment zu Moment. Das ist ein Naturgesetz, das wir nicht ändern können.
Auch unser Leben kann sich von einer Sekunde auf die nächste vollkommen wandeln, durch den Tod, durch Naturkatastrophen, durch Krieg, aber auch durch weniger Spektakuläres, wie zum Beispiel eine Kündigung.
Wer das als Realität des Lebens begreift, wird von Unvorhergesehenem nicht so leicht aus der Bahn geworfen. Denn wir wissen ja, dass wir eben nicht wissen, wann und wie sich unser Leben ändern wird.
Diese Wirklichkeit zu sehen, gehört zum Faktor Weisheit.
Du denkst jetzt vielleicht: “Ja, eh. Das ist doch logisch. Das ist ja keine Raketenwissenschaft, das weiß doch jedes Kind.”
Stimmt. Aber wirklich begreifen tun wir dies nicht. Denn die meisten von uns leben so, als würden sie weder sterben noch könnten sich ihre Lebensumstände jemals dramatisch verändern.
Was sind Mitgefühl und Liebe?
Mitgefühl ist der Wunsch: Mögest du frei sein vom Leid und den Ursachen des Leids.
Liebe ist der Wunsch: Mögest du glücklich sein und die Ursachen des Glücks besitzen.
Während die Weisheit unsere Sichtweise auf die Welt klärt, betreffen Mitgefühl und Liebe unser Verhalten, und unsere Beziehung zu uns selbst und zu anderen. Es sind Herzensqualitäten, mit denen wir Zuneigung und Offenheit entwickeln.
Ob wir die Welt als feindlichen Ort oder als freundliche Umgebung erleben, hängt von unserer inneren Einstellung ab.
Angeboren oder trainierbar?
Beides. In uns allen schlummern die Samen von Weisheit, Liebe und Mitgefühl. Wie stark sie werden, hängt davon ab, ob wir sie wachsen lassen oder ob wir Ignoranz, Feindseligkeit und Opferhaltung mehr Raum geben.
Und selbst wenn die Samen von Weisheit, Liebe und Mitgefühl schwach ausgeprägt sind: Du kannst sie trainieren und stärken. Das bedeutet “innere Stärke entwickeln“.
Wie du mit Shamatha und Vipassana Weisheit, Liebe und Mitgefühl entwickelst
Dafür gibt es zwei Arten der Meditation, die einander ergänzen.
Shamatha
Shamatha, die konzentrative Meditation schafft die Basis. Du richtest deine Aufmerksamkeit auf ein Objekt, zum Beispiel auf den Atem, und kehrst immer wieder dorthin zurück, sobald du bemerkst, dass dein Geist abschweift.
Dadurch wird dein Geist ruhig, klar und stabil. Das ist die Voraussetzung für alles Weitere. Wer ständig von Gedanken und Emotionen mitgerissen wird, kann weder klar sehen noch freundlich handeln.
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Vipassana
Vipassana, die analytische Meditation schafft Einsicht. Durch Nachdenken, durch Analyse gewinnst du Erkenntnisse.
Erinnere dich daran, Vergänglichkeit bedeutet Unbeständigkeit, Veränderung von Moment zu Moment.
Es gibt keinen Augenblick des Verweilens und Stehenbleibens.
Das gilt für jede Zelle deines Körpers, ebenso für deine Gedanken, deine Emotionen, deine Familie, deine Freunde, dein Haus, deinen Garten usw. Es ist ein dauerndes Kommen und Gehen, Geboren-Werden und Sterben.
Denke darüber nach: Was bedeutet Vergänglichkeit ganz konkret in meinem Leben? Woran hänge ich, und was passiert in mir, wenn ich Verlust erlebe?
Transformation
Vergänglichkeit bedeutet auch Transformation. Das kannst du sehr gut bei alltäglichen Aktivitäten beobachten.
Nehmen wir das Essen. Ein Roggenkorn wird in Brot verwandelt. Du verspeist ein Butterbrot und durch den Stoffwechsel lösen sich daraus wertvolle Bestandteile, die deine Körperzellen nähren. Das Roggenkorn ist Teil deines Körpers geworden.
So wird aus dem Wissen um die Vergänglichkeit gelebte Erfahrung und Weisheit.
Das Nachdenken über Vergänglichkeit führt unweigerlich auch zur Erkenntnis, dass unser Leben irgendwann zu Ende geht.
Wir machen uns mit der Vergänglichkeit des eigenen Lebens vertraut: Irgendwann muss auch ich sterben. Wann das sein wird, weiß ich nicht.
Daher ist es gut und richtig, sich jetzt mit dieser Tatsache anzufreunden.
Im Buddhismus wird gelehrt, dass mit dem Moment der Geburt der Sterbeprozess beginnt. Jede Sekunde, die vergeht, ist eine Sekunde näher am Zeitpunkt des Todes.
Wir können die Zeit, die vergeht, nicht aufhalten.
Frag dich mal: Ist meine Lebenszeit bedeutungsvoll? Ist mein Leben erfüllt mit Sinn, Liebe und Weisheit?
Mitgefühl und Liebe
Die Entfaltung von Mitgefühl und Liebe ist ein stufenweiser Prozess. Dazu gibt es bewährte Kontemplationen, die helfen, diese Herzensqualitäten schrittweise zu entwickeln.
Hier eine erste Übung zum Anfangen:
Betrachte drei Personen, die du kennst:
1) eine, die du magst;
2) eine weitere, eine neutrale Person, die du vom Sehen kennst und
3) eine dritte Person, die du nicht magst, mit der du Probleme, vielleicht einen Konflikt hast.
Stell dir vor, dass alle drei Personen eines gemeinsam haben: Genauso wie du wünschen sie sich Glück und kein Leid.
Beginne damit, allen drei Personen folgendes zu wünschen: Mögest du in Sicherheit und Frieden leben. Mögest du glücklich sein. Mögest du frei sein von Krankheit, Kummer und Leid.
Betrachte dabei vor deinem inneren Auge die erste, die zweite und die dritte Person und schau auf deine Gefühle. Was empfindest du bei der ersten, bei der zweiten und bei der dritten Person? Nimm einfach deine Gefühle wahr, ohne sie verändern zu wollen.
Wenn du diese Übung regelmäßig machst, wirst du schon bald Veränderungen erleben. Natürlich ist es nicht einfach, echte Liebe und echtes Mitgefühl zu erzeugen. Aber für den Anfang ist das eine hervorragende Übung, die deinen Geist transformieren wird.
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