Vor kurzem hörte ich einen Vortrag von Geshe Lhakdor zum Thema “Geist und Emotionen verstehen”. Ein Gedanke daraus geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Welche Nahrung geben wir dem Geist? Er sagte sinngemäß: Viele Probleme, die es derzeit in der Welt gibt, sind ein Zeichen dafür, dass der menschliche Geist unterernährt ist.
Unterernährt?
Unser Kopf ist doch ständig voll mit Nachrichten, Terminen, Gedanken, Sorgen. Und doch hat er recht. Es geht nicht darum, dass wir etwas in unser Bewusstsein reinlassen, sondern es geht viel mehr darum, WAS wir in unseren Geist hineinlassen.
Welche Nahrung gibst du deinem Geist?
Frühstück, Mittagessen, Abendessen
Für unseren Körper sorgen wir ganz selbstverständlich. Wir wissen ganz genau, was ihm guttut. Wir achten auf ein gesundes, vitaminreiches Frühstück, schenken uns ein bekömmliches Mittagessen und genießen am Ende des Tages etwas Leichtes, um gut zu schlafen.
Und nach einem intensiven Arbeitstag machen wir häufig noch Sport. Wir gehen oder laufen eine Runde oder schwitzen im Fitness-Studio.
Doch was tun wir für unseren Geist?
Mach den Test: Welche Nahrung bekommt dein Geist?
Sei ehrlich. Womit fütterst du deinen Geist den ganzen lieben Tag? Wenn es dir so geht wie mir und vielen anderen, dann kennst du Tage, die so aussehen:
- Der erste Griff am Morgen geht zum Handy.
- Danach Nachrichten-Scrollen, das mich meistens aufregt oder beunruhigt.
- Beim Laufen oder beim Busfahren läuft ein Hörbuch oder ein YouTube-Interview. Schließlich will ich ja jede Minute “sinnvoll” nutzen.
- Abends kehrt bei mir die Ruhe ein, aber ich kenne viele, die sich dann noch mit Serien oder Social-Media-Scrolling ablenken.
Das alles ist nichts Schlechtes. Aber wenn wir uns nie eine Pause gönnen, dann ist es Junkfood für den Geist: schnell, laut, kurz befriedigend und dann folgt Leere. Nährende Aufbaustoffe bekommt dein Geist dabei kaum.
Kleiner Selbstcheck: Stell dir vor, dein Geist hätte heute ein Ernährungstagebuch geführt. Wie viele Minuten waren Stille? Wie viele Minuten waren Input von außen?
Geshe Lhakdor beschreibt, dass wir sehr beschäftigt sind damit, Ablenkung im Außen zu suchen. Wir arbeiten, besorgen, erledigen. Aber wir nehmen uns kaum Zeit, still zu sitzen und nach innen zu schauen. Doch genau dort liegt die Quelle für Glück und Leid.
Wie wir die Dinge sehen und in welchem Zustand unser Geist ist, entscheidet mehr über unser Wohlbefinden als alles, was von außen kommt.
Nahrung für den Geist: Die guten Samen gießen
Womit können wir den Geist nähren? Was stärkt unser Bewusstsein? Das klingt groß, ist aber viel einfacher, als du denkst.
Der vietnamesische Zen Meister Thich Nhat Hanh sagte oft sinngemäß: Den Geist zu nähren bedeutet, die guten Samen in uns zu gießen, damit sie wachsen und blühen können.
Was sind die guten Samen? Es sind die Anlagen und Potentiale in unserem Bewusstsein, die Glück, Freude und Zuversicht nähren. Wie zum Beispiel Gleichmut, Mitgefühl, Weisheit, Vertrauen und Achtsamkeit.
Und wie kannst du diese entdecken und zum Erblühen bringen? Indem du regelmäßig in die Stille gehst und deinem Geist erlaubst, Ruhe und Klarheit zu entwickeln.
Dafür gibt es zwei einfache Wege:
Meditieren: Du lenkst deine Aufmerksamkeit auf ein Objekt, zum Beispiel auf den Atem, und versuchst, ohne Ablenkung dabei zu bleiben. Dabei bist du so wachsam, dass du bemerkst, wenn dein Geist abschweift. Mit der Zeit wirst du ruhiger, klarer und gewinnst echte Lebensfreude.
Atmen: Atme langsam, sanft und leise durch die Nase in den Bauch. Das wirkt direkt auf das parasympathische Nervensystem. Atmen ist die Brücke vom Gedankenkarussell zurück in den Körper, in die Gegenwart.
Beide Übungen brauchen keine Ausrüstung, keinen speziellen Ort und keinen Glauben. Nur ein paar Minuten. Am besten täglich.
So wie du Frühstück, Mittag- und Abendessen zu bestimmten Zeiten einnimmst, übst du am besten auch zu festen Zeiten. Wiederholung ist der Schlüssel zum Erfolg.
So wie du deinem Körper am besten täglich gesunde Speisen zuführst, um ihn langfristig zu stärken, braucht auch dein Geist regelmäßig heilsame Nahrung, um innere Stärke und Klarheit zu entwickeln.
Hier meine Menü-Vorschläge für deinen Tag:
Das Frühstück: Morgenmeditation (10 Minuten)
Bevor du den Tageslärm hereinlässt, setzt du dich auf dein Meditationskissen oder deinen Meditationsstuhl. Lass alle Gedanken los und betrachte deinen Atem. Ein – Aus. Wenn Gedanken anklopfen, beachte sie nicht. Kehre immer wieder zurück zum Atem.
Der Snack: Atempause am Vormittag (5 Minuten)
Leg zwischen zwei Aufgaben eine kleine Atempause ein. 5 Minuten. Sitze bequem und aufrecht, beide Füße stehen stabil auf dem Boden, der Rücken ist gerade und aufrecht. Atme sanft, ruhig und langsam durch die Nase in den Bauch. Beim Einatmen hebt sich die Bauchdecke ein wenig, beim Ausatmen senkt sie sich. Mach keine großen Atemzüge. Vielleicht spürst du ein wenig Lufthunger, lass ihn zu. Du wirst merken, wie sich Körper und Geist entspannen. Du wirst innerlich ruhig und kannst wieder klar denken.
Das Abendessen: Abendmeditation (10 Minuten)
Lass den Tag ausklingen und betrachte deinen Atem. Einatmend dürfen sich Stille und Dankbarkeit ausbreiten, ausatmend lässt du alle Gedanken und Ereignisse des Tages los. Einatmen – Stille und Dankbarkeit, Ausatmen – Loslassen.
Klein-Anfangen ist besser als Groß-Denken
Es reicht nicht, die Dinge nur zu hören oder zu wissen. Es ist wie mit einem Restaurantbesuch. Wenn du nur die Speisekarte liest und nichts isst, wirst du nicht satt.
Genauso zeigt sich die Kraft der Meditation erst durch die regelmäßige Übung.
Vielleicht denkst du jetzt: “Dreimal täglich? Das schaffe ich nie.” Das musst du auch nicht, jedenfalls nicht sofort.
Du fängst klein an.
- Starte HEUTE und wähle eine Übung, zum Beispiel die Abendmeditation. Lege sie an einen festen Anker, etwa direkt nach dem Zähneputzen.
- Nach 2-3 Wochen nimmst du die nächste Übung dazu.
- Nach 6 Wochen übst du bereits dreimal täglich, und es fühlt sich selbstverständlich an.
Wenn mal ein Tag ausfällt, ist das kein Drama. Du isst ja auch nicht jeden Tag zur gleichen Zeit oder lässt manchmal ein Essen ausfallen.
Fang beim nächsten Mal einfach wieder an. Immer wieder.
Dein Geist hat Hunger nach Stille
Vielleicht ist “Mein Kopf ist so voll” gar nicht das eigentliche Problem. Vielleicht ist der Geist zwar voll, aber mit den falschen Gedanken und hungrig nach Ruhe, Klarheit und Stille.
Gönne deinem Geist dieselbe Aufmerksamkeit wie deinem Körper. Schenke ihm die Nahrung, die der Nährboden für innere Ruhe, Klarheit und geistige Stärke ist.
Und gerade in turbulenten Zeiten brauchen wir nichts dringender als einen klaren Geist, innere Stärke und den Mut zur Wahrheit.
Welche Geistes-Mahlzeit probierst du heute aus? Schreib’ es mir gerne in die Kommentare.
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