Hass, Wut, Ärger – drei Wörter, ein Gift. Sie fühlen sich manchmal mächtig an, sogar berechtigt. Aber sie zerstören zuerst denjenigen, der sie in sich trägt.
Viele Menschen glauben, Wut gehöre zur menschlichen Natur und lasse sich nicht beseitigen. Manche halten sie sogar für reinigend, für eine Art Ventil. Das Gegenteil ist der Fall.
Was ist Hass?
Hass ist eine völlig feindselige Haltung gegenüber Lebewesen oder Lebensumständen. Sobald er sich im menschlichen Geist festsetzt, wächst darin der Wunsch, dem Objekt des Hasses Schaden zuzufügen.
Und dieser Wunsch bleibt selten nur Gedanke. Er mündet oft in Worte, die verletzen, und in Taten, die Leid bringen – manchmal mit tödlichem Ausgang.
Hass macht einsam
Lässt du den Geistesgiften freien Lauf, vergiften sie nicht nur dich. Sie vergiften auch dein Umfeld.
Du gewöhnst dich langsam an dieses Verhalten. Und merkst gar nicht, wie sich Kollegen und Freunde Schritt für Schritt von dir entfernen.
Drei Wurzel-Geistesgifte
Aus buddhistischer Sicht zählt Hass, neben Unwissenheit und Begierde, zu den drei Wurzel-Geistesgiften. Man nennt sie so, weil sie die Wurzeln aller Übel sind und aus ihnen alle anderen negativen Emotionen und schädlichen Handlungen entstehen.
Das Muster kennst du: Auf den giftigen Gedanken folgen grobe Worte. Aus groben Worten werden verletzende Taten.
Können wir uns aus dieser Spirale befreien?
Ja. Aber für die meisten von uns ist das kein leichter Weg. Wir haben uns über Jahre an negative Emotionen gewöhnt. Sie gehören zu unseren eingeschliffenen Verhaltensmustern.
Je stärker diese Gewöhnung, je automatischer die Wut-Reaktion, desto schwerer das Abgewöhnen. Doch negative Emotionen sind veränderlich, sie kommen und gehen.
Sie entstehen durch bestimmte Ursachen, und was durch Ursachen entsteht, kann durch andere Ursachen auch wieder vergehen.
Der erste Schritt: die zerstörerische Kraft des Hasses erkennen und die befreiende Wirkung von Hasslosigkeit und Geduld begreifen.
Was Shantideva über Wut und Geduld lehrt
Der indische Meister Shantideva hat sich diesem Thema in seinem Werk Bodhicaryavatara ausführlich gewidmet. Hier ein paar seiner Gedanken zum Nachdenken:
Über die Nachteile der Wut:
Wenn der Stachel des Hasses im Herzen sitzt, kommt das Denken nicht zur Ruhe. Wir finden weder Freude noch Schlaf.
Selbst enge Freunde fürchten den Hasserfüllten. Er mag geben, doch niemand kommt ihm wirklich nah. Es gibt nichts, das einen zornigen Menschen glücklich macht.
Über die Kraft der Geduld:
Wenn es ein Heilmittel gibt, warum unzufrieden sein? Und warum unzufrieden sein, wenn es keines gibt?
Beleidigung und Schimpf treffen den Körper nicht. Warum also zürnst du, mein Geist?
Wer schon ein kleines Leid nicht erträgt – warum bekämpft er nicht den Zorn, die Wurzel aller höllischen Leiden?
Drei Voraussetzungen für die Praxis
Um wirklich erfolgreich zu üben, dürfen wir vor der Wirklichkeit nicht die Augen verschließen. Drei Dinge brauchst du dafür:
Erstens: Erkenntnis. Du musst wissen, was Hass ist und seine zerstörerische Kraft erkennen. Solange du Hass als etwas Naturgegebenes und vielleicht sogar als etwas Positives siehst, wirst du ihn nicht loswerden.
Zweitens: Ehrlichkeit. Du brauchst einen offenen Zugang zu deinen eigenen Emotionen. Manchmal verstecken sich Hass und Abneigung in einer stillen Aggression hinter einem Lächeln. Sei ehrlich zu dir selbst und hab Mut, deinen negativen Emotionen ins Auge zu blicken. Dann wirst du aus eigener Erfahrung wissen, wie (zer)störend Hass und Wut sich anfühlen.
Drittens: Wille. Du strebst danach, die Wut in dir zu verringern und entwickelst den echten Wunsch, sie loszuwerden.
Meine eigene Geschichte
Mitte der 90er-Jahre kam ich durch das Buch „Der Weg zur Freiheit” von S.H. Dalai Lama zum ersten Mal mit dem Buddhismus in Berührung. Dieses schmale Büchlein erklärt den gesamten buddhistischen Pfad kurz und klar. Ich habe viele Abschnitte mehrmals gelesen.
Und dann kam eine Erkenntnis, die mein Leben veränderte.
Ich hatte mich während und nach dem Uni-Studium für allerlei soziale und politische Gerechtigkeitsforderungen eingesetzt, oft auch öffentlich.
Ich war überzeugt: Wir sind die Guten und haben daher das Recht, das Gerechte von Politikern, von Männern, von Konzernen – von den Bösen – einzufordern.
Doch plötzlich, während und nach der Lektüre dieses Textes, erkannte ich die hasserfüllte Gewalt, die in mir schlummerte. Ich sah den Schrei des Hasses aus meinem eigenen Herzen brechen, gerichtet gegen diese vermeintlichen Feinde.
Diese Selbsterkenntnis hat mich tief erschüttert.
Bis dahin sah ich mich als liebevolle Mutter, treue Partnerin, verständnisvolle Freundin, als eine Frau, die sich für Frieden und eine bessere Welt einsetzt. Doch wo war der Friede in mir?
Als die Schleier der Selbsttäuschung runterfielen, erschrak ich über die Wut und Abneigung, die viele meiner Aktivitäten nährten.
So beschloss ich, tiefer in die buddhistische Praxis einzusteigen und mich den destruktiven Emotionen zu stellen, damit das Heilsame in mir wachsen und gedeihen kann.
Zigaretten und Alkohol ade!
Während dieser Zeit betrachtete ich auch andere Gewohnheiten meines Alltags. Ich war damals Raucherin und sah ganz klar, dass Rauchen eine Form von Gewalt war, die ich meinem eigenen Körper zufügte.
Diese Einsicht beendete meine Nikotinsucht innerhalb weniger Wochen, ohne Rückfall oder Nachwirkungen.
Für mich ein eindeutiger Beweis für die Kraft des Geistes: Der Geist entscheidet, der Körper folgt.
Einige Jahre später wurde mir auch das zerstörerische Potenzial von Alkohol bewusst. Ich entschied mich, ab sofort alkoholfrei zu leben. Auch das fiel mir ziemlich leicht.
Damals habe ich niemanden von meinem Weg überzeugen wollen. Schritt für Schritt habe ich mein Leben verändert und zwar in aller Stille und auch ohne mich anderen überlegen zu fühlen.
Als damals linke Feministin kannte ich auch die andere Seite: ich empfand ein Gefühl der Überlegenheit gegenüber jenen, die nicht meinem politischen Lager angehörten. Diese Arroganz entsprang wohl einem manichäischen Weltbild, das in Wahrheit nur die eigene Unsicherheit überdecken wollte.
Die (Wieder-)Entdeckung der spirituellen Praxis hat mein Leben tiefgreifend verändert und mich ein Stück weit aus dem Gefängnis der Ideologien befreit. Dafür bin ich unendlich dankbar.
Geduld
Versagen, Fehler, Missgeschicke, Beleidigungen, Ungerechtigkeiten usw. passieren. Meistens haben wir keinen Einfluss darauf, ob und wann sie uns treffen.
Es gibt auch keinen Anspruch auf Nicht-Beleidigt-Werden, auf Nicht-Widersprochen-Werden, auf dauernde Rücksichtnahme.
Erwachsene Menschen haben die Pflicht, mit den Widrigkeiten des Lebens umgehen zu lernen.
Ein starker Geist kennt Wege und Methoden, auf die Herausforderungen des Lebens adäquat zu antworten. Irgendwann auch ohne Wut und Hass, sondern mit kreativen geschickten Mitteln.
Mein Lehrer sagte oft: Wenn du deinen Feind besiegen willst, brauchst du einen klaren, ruhigen Geist. Wenn du voller Wut und Hass bist, dann kannst du nicht klar denken, schlägst wild um dich und triffst niemals ins Schwarze. Ja, oft schadest du dir dabei selbst am meisten.
Es gibt nie gute Gründe, wütend zu werden. Weder auf dich selbst noch auf andere.
Das ist der Anfang von Geduld – eine lebenslange Praxis.
Übe heute
Hass verschwindet nicht über Nacht. Aber jede Wut-Reaktion, die du bemerkst, statt ihr blind zu folgen, ist bereits ein Schritt aus der Spirale heraus.
Setz dich hin. Atme. Schau dem Ärger einmal direkt ins Gesicht.
Sei still und atme. Gehe in die Natur. Gehen und atmen.
Wenn der Ärger kommt, spürst du die Hitze im Herzen, wie sie aufsteigt, sich ausbreitet und langsam wieder vergeht.
Der Ärger ist eine geistige Emotion, die in dir entsteht. Du fühlst sie auch körperlich. Das tut weh, ist kaum auszuhalten.
Geduld. Liebe.
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