Heute ist der 49. Tag. Seit Vaters Tod sind 7 mal 7 Wochen vergangen. Aus buddhistischer Sicht endet spätestens heute die Bardo-Existenz – der Zwischenzustand. Das bedeutet eine neue Verkörperung als Mensch oder als Tier oder als…

Diagnose: Krebs

Im Frühsommer letzten Jahres bemerkten wir den Gewichtsverlust. Wir dachten: Na ja, Vater ist bald 90 und im Alter verliert der Körper halt an Gewicht. Im Juli kamen Verdauungsstörungen hinzu und im August 2021 dann die Diagnose. Ein Schlag für uns alle: Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Beim Termin im Krankenhaus klärt uns die Ärztin über die medizinischen Möglichkeiten auf. Eine OP wäre äußerst risikoreich und kompliziert. Für eine Chemotherapie müsste zunächst eine Gewebeprobe entnommen werden – selbst dies wäre ein riskanter Eingriff. Eine Heilung auf medizinischem Wege ist so gut wie ausgeschlossen. OP und Chemotherapie würden maximal einige Wochen Lebensverlängerung bedeuten. 

Für Lebensqualität statt Quantität

Für Vater ist schon vor dem Gespräch mit der Ärztin klar: Keine Chemo. Er kennt das alles von unserer Mutter. Vor über 30 Jahren erkrankte sie an Krebs. Vater hat sie 2 Jahre lang bis zu ihrem letzten Atemzug begleitet und gepflegt. Er kennt die Nebenwirkungen von OP, Chemo und Bestrahlung. Das will er nicht und sagt klar, mutig und bestimmt: Ich entscheide mich für Lebensqualität statt Quantität.

Den Tod akzeptieren lernen

Als Buddhistin sollte ich täglich über Tod und Vergänglichkeit meditieren. Dabei geht es darum, diese unfassbare Wirklichkeit zu begreifen und schließlich zu akzeptieren. Es geht nicht um Angst und Panik. Im Gegenteil, erst wenn Tod und Vergänglichkeit zu einer tiefen Erfahrung werden, können wir unser Leben in all seiner Pracht und Kostbarkeit wertschätzen. Wir vergeuden es nicht, sondern wollen unser Potential entdecken und zur vollen Entfaltung bringen. Freude und Heiterkeit, Ruhe und Gelassenheit sind nur einige Auswirkungen dieser Meditation. So die Theorie 😉

In der buddhistischen Praxis werden drei Hauptmeditationen zu Tod und Vergänglichkeit empfohlen, mit jeweils drei Unterpunkten, also insgesamt neun Meditationen. Hier die drei Hauptkontemplationen:

Die erste Meditation: Der Tod ist gewiss.

Bei dieser ersten Meditation denkst du darüber nach, dass es auf dem gesamten Planeten keinen Ort gibt, an dem nicht gestorben wird. Du kannst dich vor dem Tod nicht verstecken. Kein Winkel, keine Höhle, kein Meeresboden, kein Luftraum ist sicher vor dem Tod. Auch Stärke, Reichtum und Macht können dich nicht vor dem Tod bewahren. 

Die Lebensspanne ist auch nicht verlängerbar. Jede Minute, die vergeht, ist eine Minute weniger Lebenszeit und eine Minute, näher am Lebensende. Shantideva, ein indischer Meister aus dem 8. Jahrhundert sagt: Tag und Nacht braucht sich dieses Leben ohne Unterbrechung auf und keine Zeit kommt hinzu. Wie sollte da jemand wie ich nicht sterben? aus: Shantideva. Bodhicaryavatara. Kapitel 2, Vers 39.

Ziel dieser ersten Meditation ist es, Gewissheit zu erzeugen, dass du sterben wirst. Wenn du diese Kontemplationen durchführen möchtest, dann übe so, dass du immer von dir ausgehst. Denn nur das erzeugt Betroffenheit und stärkt die Gewissheit, dass der Tod real ist. Denn meist haben wir folgende Denke: Alle müssen sterben, ich vielleicht auch.

Die zweite Meditation: Der Zeitpunkt des Todes ist ungewiss.

Hier denkst du darüber nach, dass der Tod jederzeit eintreten kann. Mit großer Wahrscheinlichkeit, lebst du in 100 Jahren nicht mehr. Doch wann du genau sterben wirst, weißt du nicht. 

Es gibt keine Garantie, dass wir alt werden. Manchmal sterben die Jungen vor den Alten. Unser Körper ist auch äußerst verletzlich und viele Umstände können zum Tod führen. Du kennst bestimmt Menschen, die plötzlich verstorben sind, ohne ein hohes Alter erreicht zu haben. Das kann uns allen auch passieren. Who knows?

Wir Buddhistinnen sagen oft: wir wissen nicht, was früher kommt: der nächste Tag oder das nächste Leben 😉 

Ziel dieser zweiten Meditation ist es, den Entschluss zu fassen, das Leben nicht zu vergeuden, denn es kann ja jederzeit vorbei sein.

Die dritte Meditation: Zum Zeitpunkt des Todes hilft nichts, außer den Lehren

Bei dieser Kontemplation machen wir uns zunächst bewusst, dass wir ganz alleine gehen müssen. Wir können nichts mitnehmen, weder unsere Liebsten, noch unseren Besitz, noch Ruhm oder Erfolg. Ja selbst unseren Körper, den wir während des Lebens so sehr liebgewonnen, gepflegt und verwöhnt haben, müssen wir zurücklassen. 

Während ich da auf meinem Bett liege und mich auch all meine Verwandten und Freunde umgeben, muss ich doch den Schmerz des Sterbens ganz allein erleben. aus: Shantideva. Bodhicaryavatara. Kapitel 2, Vers 40.

Da es sich hier um buddhistische Meditationen handelt, sind mit dem Satz “…hilft nichts, außer den Lehren.”, natürlich die religiösen Lehren gemeint. Wobei es nicht ums Hören oder Lesen der Lehren geht, sondern um die Umsetzung, um die Verwirklichung der Lehren. Das bedeutet: es geht um die Entfaltung des uns allen innewohnenden Potentials der Liebenden Güte, des Mitgefühls, der Freude und der Weisheit. Leben in Fülle auf Basis der Erkenntnis des Nicht-Selbst und der Leerheit. Dies sind die buddhistischen Ideale, nämlich das höchste eigene Wohl und das höchste Wohl der Anderen zu verwirklichen. Ganz allgemein und nicht-religiös geht es um die Umsetzung und Verwirklichung des eigenen einzigartigen Potentials.   

Ziel der dritten Meditation ist es, den Entschluss zu fassen, JETZT zu beginnen und die Praxis nicht aufzuschieben.

Durch Meditation den Geist stärken und Einsicht gewinnen

Bei diesen drei Kontemplationen handelt es sich um sog. analytische Meditationen, die deine Sichtweise und deine Geisteshaltung verändern. Sie motivieren dich, in die Umsetzung zu kommen: Entwickle dein Potential, deine Größe, deinen inneren Schatz, denn das Leben ist vergänglich und kann schnell und unverhofft vorbei sein.

Da erinnere ich mich an ein Buch von den Hendricks, weiß leider nicht mehr welches. Gay Hendricks erzählt von einer Aussage seines Nachbarn, nennen wir ihn Paul. Dieser Paul sagte sinngemäß: Am Ende meines Lebens möchte ich sichergehen, den besten Paul verwirklicht zu haben. Mehr von den Katie und Gay Hendricks gibt es hier: www.hendricks.com

Ich habe die Meditationen auf Tod und Vergänglichkeit oft durchgeführt und dabei auch tiefe Erfahrungen gemacht. Ich glaube auch, dass mir diese Praxis beim Begleiten meines Vaters sehr geholfen hat.

Dennoch: Seit ich denken kann, gab’s immer auch den Vater als Teil meines Lebens. Und jetzt ist er weg. Für immer. Das ist das Unfassbare. Da kommen Tränen und Trauer.

Regenbogen

Heute ist der 49. Tag. Ein spezieller Tag für Gebete, Meditationen und Pujas. Tagsüber bete ich viel und am Abend mache ich ein Ritual mit Opfergaben-Darbringung (Speisen, Licht, Duft usw.). Während der Gaben-Darbringung erscheint ein Regenbogen im Fenster – ein freudvoller Augenblick, ein glücksverheißendes Zeichen. Dem Vater geht es gut. Ich kann loslassen. Heilung.